Galopperbeine

Ortszeit 00.53 Uhr (MESZ), ich sitze am Bildschirm und habe den Wettanbieter meines Vetrauens gestartet.
Gut eigentlich sitze ich schon seit dem Nachmittag davor, denn auch das Epsom Derby ist bereits Geschichte. Hier gab es durch Frankie Dettori auf Golden Horn einen WOW-Moment, indem er vom drittletzten Platz kommend – erwähnte ich schon, dass ich diese Taktik absolut begeisternd finde?- an allen anderen vorbei hoppelnd überlegen gewann.

Es dauerte dann ein paar Stunden- ich blieb auf dem Channel von racing uk- bis die Reportage über die Belmont Stakes begann.
Vier Experten sitzen im Studio und ich werde schier irre, weil die Übertragung immer wieder stockt. Die Jungs aus dem Königreich sind sich einig- American Pharoah will do history. 37 Jahre nach Affirmed wird es endlich den 12. Sieger der american Triple Crown geben.
Die Gegner werden analysiert, die vermutliche Taktik diskutiert und zwischendurch gibt es immer wieder Einspieler des amerikanischen Sportsenders mit Interviews und Eindrücken von der Bahn. Grandios. Ich muss nur endlich mal (spätestens zum Arc) ein Kabel kaufen, damit ich das Ganze an meinem Fernseher schauen kann…

Nun denn die Pferde, acht an der Zahl, sind endlich im Führring, ich schaue mir jeden Einzelnen an. Alle sehen fantastisch aus und sind, hinsichtlich des Trubels, sehr gelassen.
00:45 Uhr, die Pferde paradieren vor den Tribünen. Victor E. winkt in die Kamera, American Pharoah schreitet mit gespritzten Ohren vorbei.
Aufgalopp. Leichte Schweissbildung bei den Teilnehmern.

00.52 Uhr- die Pferde werden in die Startmaschine gebracht- keine Probleme. 00:53 Uhr – Start und- eingefrorenes Bild. Ich raufe mir die Haare. Aber es geht gleich weiter- puuuh. Die Pferde sind etwa 50m aus der Maschine und ich sehe Amerikas Hoffnung auf Geschichte an der Spitze, gefolgt vom Pletcher-Pferd Materiality
Aber zum Glück heizen sie nicht wild davon. Pharoahs Aktion ist wundervoll locker. Er macht einen Galoppsprung während der Rest 1,5 machen muss. Gut!

Das Feld formiert sich im ersten Bogen, alle sind relativ dicht beieinander. Mit gespitzten Ohren stiefelt der Braune vorneweg. Dahinter immer noch Materiality, Mubtahij, Frosted und Keen Ice.
Die lange Gerade herunter gibt es kaum Veränderungen.

Belmont ist ja nun für amerikanische Verhältnisse eine Riesenbahn. Wo in den USA normalerweise der Endkampf eingangs des Schlussbogens beginnt, sollte ein Jockey im Belmont Park bis kurz vor Erreichen der Zielgeraden warten.

Nun, Victor sitzt zu Beginn des letzten Bogens immer noch ruhig und chillig. Andere Jockeys müssen bereits leicht Vorwärtsreiten.

Pharoah stiefelt weiterhin entspannt sein Pensum herunter. 400m vor dem Ziel dann der gut aussehende Angriff von Frosted, mein Herz rast, ich schreie „warte noch, Victor, noch nicht“. Frosted schiebt sich an den wohl geformten Hintern von American Pharoah. 300m bis ins Ziel: Victor beginnt mit leichten Aufmunterungen; die Reaktion ist ‚instant‘. Pharoah löst sich von Frosted. Dahinter versuchen Mubtahhij und Keen Ice, näher zu kommen- keine Chance. Der schlanke Braune geht Mitte der Geraden auf und davon. Frosted ist der Einzige, der einigermaßen folgen kann.

American Pharoah gewinnt mit fünfeinhalb Längen, ohne auch nur einmal ernsthaft ‚gefragt‘ worden zu sein. Frosted wird Zweiter und Keen Ice weitere zwei Längen dahinter Dritter vor Mubtahij. WAHNSINN.

Die Siegerzeit von 2:26,65 (Splits 24.06, 24:77, 24:58, 24:58, 24:34, 24:32) ist eine der schnellsten jemals gelaufenen. Auch hier passt es also, um von einem wirklich sehr guten Pferd zu sprechen.

Ich sitze geflasht vor dem Monitor. Gerade eben bin ich Zeuge eines geschichtsträchtigen Augenblicks geworden. Pferde wie Secretariat, Seattle Slew, die großartigen 78er Affirmed und Alydar… und nun habe ich mit eigenen Augen ein weiteres brilliantes Pferd gesehen.

ABER…. ich muss gestehen, ich habe gemischte Gefühle. Die Amerikaner schicken heutzutage ihre erfolgreichen Hengste zu schnell ins Gestüt.

Frankel hat mich während seiner dreijährigen Rennzeit doch ein gutes Stück mehr fasziniert. Vielleicht, ganz vielleicht, sehen wir den 12. Triple Crown Sieger auch noch das ein oder andere Mal. Es wäre zu schön, denn wofür züchtet man Rennpferde, wenn nicht für die Rennbahn?